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Altenpflege auf dem Prüfstand

Niederschmetternde Erhebung weist erhebliche Mängel nach

Ihr Anteil an der Bevölkerung nimmt ständig zu. Doch wenn die Alten pflegebedürftig werden, dann haben sie nichts zu lachen. Erschütternde Zahlen hat der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) am Freitag (31. August) in seinem Bericht über die Qualität der Pflege in Deutschland veröffentlicht.


Demnach wurden Pflegebedürftige in 35,5 Prozent der untersuchten Fälle nicht häufig genug umgebettet. Dadurch entsteht die Gefahr von Druck-Geschwüren. Bereits eingetretene Geschwüre seien auch nicht angemessen behandelt worden, beklagt der Bericht.

Nicht genügend Nahrung oder Flüssigkeit haben zehn Prozent der Heimbewohner nach der MDS-Erhebung erhalten. Bei der ambulanten Pflege lag dieser Anteil hingegen nur noch bei 5,7 Prozent. Der MDS bezeichnete diese Situation als “Gesundheitsgefährdung” und einen “unzureichenden Pflegezustand”.

Trotz dieser erschreckenden Zahlen hat sich die Situation im Vergleich zum vorangegangenen Bericht über die Jahre 2001 bis 2003 verbessert. Alarmierend ist jedoch, dass zertifizierte Einrichtungen oder teure Heime nicht wesentlich besser abschneiden als die anderen.

Alle drei Jahre überprüft der MDS von Gesetzes wegen die Qualität der Pflege in Deutschland. Zwischen 2004 und 2006 hat er gut 3.700 ambulante Pflegedienste und mehr als 4.200 Pflegeheime auf ihre Qualität hin überprüft. Das waren 30 Prozent der ambulanten Dienste und 40 Prozent der Heime.

Mangelhafte Strukturen


Der kommerzielle Betrieb von Pflege-Einrichtungen führt in der Regel zu einem hohen Zeit- und Kostendruck bei der Erledigung der pflegerischen Arbeiten. Wer mit der Stoppuhr ans Bett tritt, der wird sich wahrscheinlich nicht immer die notwendige Zeit nehmen, um genauer hinzusehen.

Der wichtigste Grund für die niederschmetternde Qualität der Pflege ist wahrscheinlich aber die Pflegeversicherung selbst. Sie weist Pflegebedürftigen genau ausgerechnete Behandlungszeiten zu, die häufig im Minuten-Bereich liegen. Zeit für eine psychosoziale Betreuung ist dabei in der Regel nicht vorgesehen.

Die Einordnung in unterschiedliche “Pflegeklassen” verkürzt zudem die individuellen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen. Diese Einstufung nimmt in der Regel der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) vor. Ein Arzt des MDK untersucht dann die jeweiligen Patienten und stellt danach den Grad ihrer Pflegebedürftigkeit fest.

Häufig erleben die Patienten diese Untersuchung als “Prüfung”. Schwer strengen sie sich an, dem Arzt Dinge vorzumachen, die sie im Alltag nur schwer oder gar nicht hinbekommen. Das Ergebnis ist dann die Einordnung in eine niedrigere Pflegestufe als eigentlich nötig.

Armut im Alter

Hinzu kommt zudem auch die finanzielle Misere der meisten Pflegebedürftigen. Selbst kostengünstige Heime fressen in der Regel die Rente weitgehend auf. Übrig behalten die Heimbewohner meist nur ein Taschengeld. Das kann mitunter bei weniger als 50 Euro im Monat liegen.

Von diesem Betrag müssen die Betroffenen dann aber alle Gegenstände des täglichen Bedarfs anschaffen. Dazu zählen Utensilien zur Körperpflege ebenso wie beispielsweise Zeitungen oder Zeitschriften, Fahr- oder Eintrittskarten und Taschentücher. Selbst die vierteljährliche Praxisgebühr müssen sie trotz derartiger Niedrigst-Einkommen noch entrichten.

Abläufe im Heim erschweren zudem die Durchsetzung individueller Wünsche und Bedürfnisse. Oft ist einfach kein Helfer vorhanden, der Pflegebedürftige kurz zu einem Konzert, einer Veranstaltung oder zum privaten Einkaufen begleiten könnte.

Schließlich ist die Situation im Heim auch nicht immer leicht zu ertagen. Wenn andere Heimbewohner stundenlang lauthals schreien oder die Tischgenossen nacheinander wegsterben, dann wirkt sich das nicht gerade fördernd aus auf die Psyche.

Angesichts solcher Zustände kann man in Deutschland leider nicht von einem menschenwürdigen Altern sprechen. Zwar ist die - besonders von den Arbeitgebern anfangs noch hart bekämpfte - Pflegeversicherung ein Schritt in die richtige Richtung. Doch bleibt noch sehr viel zu tun, um eine menschenwürdige Pflege in Deutschland zu garantieren.

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Dieser Eintrag wurde am Samstag, den 1. September 2007 von Franz-Josef Hanke geschrieben und in die Kategorie Gesellschaft eingeordnet. Du kannst alle Kommentare zu diesem Artikel mit dem RSS 2.0 Feed beobachten. Du kannst eine Antwort hinterlassen, oder durch einen Trackback auf diesen Artikel verlinken.
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Kommentar von Gen. K. Ozz am 1. September um 13:20 Uhr

ich hebe in der pflege gearbeitet und kenne die situation.
ich glaube nicht, daß “menschenwürdiges Altern” in einem pflegeheim machbar ist, zumindest nicht für die mehrzahl der menschen.
ich halte es eher für menschenunwürdig, alte in ein heim abzuschieben.
ein beispiel:
oftmals wollten die bewohner nicht mehr zu trinken, obwohl sie es bräuchten, weil sie schmerzen beim schlucken haben. nicht nur einmal habe ich beim “essen reichen” gehört: wann ist es endlich zuende? lasst mich doch sterben!
wenn dann ein bewohner sich weigert, zu essen, oder er/sie es einfach nicht mehr kann, dann bekommt er/sie eine sonde in den magen gelegt und wird dadurch ernährt.
es kann dann noch zwei, drei oder fünf jahre dauern, bis der ersehnte tod eintritt. in dieser zeit verkümmert der mensch in der regel soweit, daß er sich sich nicht mehr bewegen kann, nicht mehr sprechen kann (nur noch unartikulierte laute von sich gibt) und es überhaupt sehr fraglich ist, ob er/sie überhaupt noch etwas mitbekommt.
so traurig es ist: ein heimbewohner ist zuerst kapital und dann mensch. die perversität ist, daß auf einer station mit vielen solchen harten pflegefällen mehr zeit für weniger kranke bleibt, weil die harten fälle nicht mehr gefüttert werden müssen, sie keinen unsinn machen können (wie scheisse überall hinschmieren) und sie im allgemeinen keine zusätzlichen ansprüche stellen können.
zu einem menschenwürdigen leben gehört meines erachtens auch ein würdiger tod.
es geht also nicht nur um ein menschenwürdiges altern, sondern vielmehr auch um ein menschenwürdiges sterben.

Kommentar von Din am 1. September um 14:39 Uhr

es geht also nicht nur um ein menschenwürdiges altern, sondern vielmehr auch um ein menschenwürdiges sterben.

Dem kann ich mich nur anschließen.

Din

Kommentar von guadalupe am 1. September um 14:40 Uhr

Gen.K.Ozz
Du schreibst:
“so traurig es ist: ein heimbewohner ist zuerst kapital und dann mensch. “

Für die Pfleger ist er sicherlich zuallererst Mensch. (Großer Respekt für die übermenschliche Leistung des Pflegepersonals).

Für die Investoren in erster Linie eingesetztes Kapital, das sich zu rentieren hat und in Konkurrenz steht zu anderen Anlageformen (Sweat-Shop in China, Gen-Mais, Rüstung usw.).

In der Endphase des Kapitalismus, wenn sich die Märkte sättigen, müssen immer neue Wachstumsmärkte gefunden werden, die den ständigen Zinshunger befriedigen. Die Verschuldung der Jugend (zinspflichtige Kredite an Studierende) und die Verzinsplfichtigung des Popo-Abwischens alter Leute sind dafür offensichtlich taugliche Strategien.

Es wäre interessant, eine Geschichte der Pflege der alten Menschen zu entwerfen, um herauszufinden, ob nicht eine systemlogische Strategie dahinter steckt.

Im Hochmittelalter der Gotik, als noch ein Geldsystem herrschte, dass keinen Zins erzwang, waren die Menschen in Wirtschaftsverbänden organisiert, die meist großfamiliär strukturiert waren. (Meister, Gesellen, Lehrlinge und Anhang).

Die Alten waren dort integriert und beteiligten sich am Wirtschaftsleben so gut es eben ging (Butter schlagen, Kartoffeln schälen, zum Schluß vor sich hindämmern und demUr- Enkel in wachen Perioden über den Kopf kraulen, den Jüngeren die Gelegenheit zu geben, für sie zu beten)

Später scheint es wohl institutionalisiert worden zu sein. Übertragen meist den Kirchen, deren Schwestern sich um die Alten kümmerten, weil es ihre Bestimmung war, Barmherzigkeit im Sinne Jesu Christus zu zeigen.

Die Verwahrung der Alten als Renditeprojekt ist vielleicht recht neu und konnte sich erst durchsetzen, nachdem geistige Hürden (Scham, Anstand) zu Gunsten des Profitgedankens beseitigt wurden. Von politisch gewollten Umstrukturierungen Zwängen (flexibler Arbeitnehmer, Migrantentum) mal abgesehen.

Ich gebe Dir recht, systemlogisch ist menschenwürdiges Altern für die Meisten nicht machbar. Man kann jetzt an den Symptomen rumdoktern und durch stärkere Kontrollen die Heimleiter und das Pflegepersonal kriminalisieren und zum Renditezwang einen Gegendruck (Gesetze und Sondereinsatzkommandos, die sie erzwingen) aufbauen. Man kann auch die Geldzuflüsse (zu Lasten der Staatsverschuldung, zu Gunsten sinkender Löhne, zu Lasten der Kindergärten usw) erhöhen, um Altenpflege für die Geldanleger rentabler zu machen.
Oder man geht an die Ursache ran.

Kommentar von Dirk am 1. September um 16:40 Uhr

So wie Heiminsassen nur Kapital sind, sind die hier gelobten Pflegekräfte nur ein Kostenfaktor in einer betriebswirtschaftlichen Richtung und ihr wichtiges Engagement wird im Zahlenwerk zerbröselt wie ich selbst mehrfach erkennen mußte.
Könnte mir jemand die Absurdität erklären, warum man für eine Gesellschaft essentielle und moralische Leistungen erst privatisiert und dann die Lösung in stärkeren Kontrollen sucht?? Dieser Schwachsinn ist immanent und von crossboarderleasing, Zinsdifferenzgeschäften bis hin zu Krankenhaus- und Post/Bahn-Privatisierung zu sehen. Freiwillige Verpflichtungen mit einer kapitalmarkt-getriebenen Wirtschaft sind das Papier nicht wert auf dem sie geschrieben sind. Also warum wird bei Wortbruch nicht wiederverstaatlicht? Der Grund dürfte sein, daß unsere Politik inzwischen erfolgreich umprogrammiert wurde zu denken, sie führt nur ein grosses Unternehmen und kann mit der gleichen Logik wie ein BWL-Kasper in einem ungleich komplexeren System agieren. Wir sollten unser Bild vom Staat überdenken, denn wir sind der Staat und haben Interessen die von der Gemeinschaft und nicht von Renditeknechten gewahrt werden sollten. Warum Kontrolle der Kontrolle wenn wird die MIttel der Kontrolle ungleich direkter haben könnten… ohne Verlust von jahrelang aufgebauten Strukturen, Immobilien und vor allem moralischen Werten?

Kommentar von Franz-Josef Hanke am 1. September um 19:30 Uhr

Ja, es geht auch um ein würdiges Sterben. Aber es geht auch um das selbstbestimmte Leben vor dem Tod.
Zu Guadalupe: Staatliche Altenheime hat es hier in Hessen bereits seit Philipp dem Großmütigen gegeben. Er ist 1564 gestorben, wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe.
Es gab Familienstrukturen, die auch die Altenpflege mit eingeschlossen haben. Und die Alten haben auch so viel für die anderen getan, wie sie eben konnten.
Zuerst kamen kirchliche und später staatliche und kommunale Altenheime auf. Da standen Rendite-Erwägungen nicht im Vordergrund. Später gesellten sich private Heime hinzu. Inzwischen arbeiten aber auch kommunale und landeseigene Heime ebenso wie kirchliche nach Rendite-Kriterien.
So ist das katholische Altenheim, in dem meine Mutter ihren Lebensabend verbracht hat, einen Monat vor ihrem Tod in eine GmbH umgewandelt worden. Die Nonnen wurden nur noch als billige Helferinnen geduldet. Die waren meistenteils aber auch schon genauso alt wie die Insassen.
Wenn schon die Kirchen Moral durch Monetik ersetzen, dann fragt sich, wo heutzutage noch Ethik zu finden ist?
Das katholische Altenheim hat übrigens immer Leute aus der benachbarten Kirchengemeinde zu kostenlosen Hilfsdiensten herangezogen. Das tut die GmbH vermutlich weiterhin, weil die Außenstehenden ja immer noch die Nonnen dort wähnen.
Dabei haben die dort nichts mehr zu melden.
fjh

Kommentar von caesar4441 am 1. September um 22:26 Uhr

Es geht bei dieser Erhebung wohl hauptsächlich darum die Pflegesätze anzuheben.Mehr Reibach !

Kommentar von Peinhart am 2. September um 11:54 Uhr

Wir sollten unser Bild vom Staat überdenken, denn wir sind der Staat …

Das sollten wir, und dabei vielleicht - mit Verlaub - darauf kommen, dass das nicht stimmt und noch nie gestimmt hat, auch wenn es in dieser Hinsicht scheinbar ’schon mal besser war’.

… und haben Interessen die von der Gemeinschaft und nicht von Renditeknechten gewahrt werden sollten.

Was eigentlich alle unsere Interessen betrifft, wenngleich der Grad der Schädlichkeit des Renditeinteresses von der ‘Daseinsfürsorge’ in Richtung ‘Luxusgüter’ abnimmt - bzw abzunehmen scheint, denn eigentlich nimmt nur die Dringlichkeit unseres Interesses ab. Es wird Zeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, dann erübrigt sich auch ein Staat, der uns als Herrschaftsorgan gegenübertritt.

Kommentar von Franz-Josef Hanke am 3. September um 09:04 Uhr

Hinter der Untersuchung des Medizinischen Dienstes der Spitzenberbände der Krankenkassen (MDS) ein Interesse an der Erhöhung der Pflegesätze zu vermuten, scheint mir ziemlich abwegig. Denn dieser MDS vertritt ja diejenigen, die Pflege bezahlen sollen.
Ihr Interesse ist wohl vielmehr, für “ihr gutes Geld” (richtig: unseres!) auch ordentliche Leistungen zu erhalten.
Die Kritik an der Überlegung, das Volk sei doch der Staat, ist in der realen Umsetzung zwar berechtigt, nicht aber in der Tehorie. “Wir sind das Volk”, haben die Bürgerinnen und Bürger der DDR gerufen und damit die StaSi-Diktaur letztlich hinweggefegt. Natürlich hatten sie einflussreichen Schutz dabei.
Solange in deutschland aber eine große Zahl der Menschen diejenigen wählt, die es mit Überwachungsmaßnahmen knebeln, solange kann man nur sagen: Wir sind vielleicht ein Volk!
Das Volk müsste sich sein Recht einfordern und diesen Staat aneignen. Das kann nur friedlich geschehen. Aber dennoch bräuchte es dafür eine große Portion Mut und Beharrlichkeit.
fjh

Kommentar von guadalupe am 3. September um 10:23 Uhr

Zitat aus dem österreichischen Standard
Heuschrecken lauern vor den Spitälern
Auf der Suche nach neuen Renditen haben Private Equity Fonds die Spitäler entdeckt. Es gebe dort durch zahlreiche Ineffizienzen tatsächlich “eine Menge zu verdienen“,”

Quelle

http://derstandard.at/?url=/?id=3018926

Kommentar von Wolber am 19. September um 22:30 Uhr

Wie können zukünftige Heimbewohner und Angehörige wissen, wie es um die Qualität der Pflegeheime in ihrer Umgebung bestellt ist?

Verbraucherverbände, Interessensvertretungen der Heimbewohner, Pflegekassen und Heimträger diskutieren derzeit darüber, wie sie die Qualität von Pflegeheimen offen legen können.

Während sich die Verantwortlichen noch über das Wer, Wie, und Wann streiten, haben 2 Unternehmer seit 1. Juni 2007 ein Bewertungsportal für Pflegeheime ins Internet gestellt.

Können die Bewohner/innen ihren Tagesablauf selbst bestimmen?
Sind die Mitarbeiter/innen freundlich und höflich?
Schmeckt das Essen?
Wie ist die pflegerische und medizinische Versorgung?
Gibt es attraktive Freizeitangebote?

Diese und ähnliche Fragen können die Betroffenen unter www.wohin-im–alter.de beantworten und mit „Schulnoten“ von 1 bis 6 versehen. Ebenso haben sie die Möglichkeit, einen frei formulierten Kommentar abzugeben.

Dies bietet alten Menschen und ihren Angehörigen erstmals die Möglichkeit, sich öffentlich lobend, aber auch kritisch über den Alltag in deutschen Pflegeheimen zu äußern.

Die Bewertungsergebnisse können aufgerufen werden und sollen Hilfestellung bei der Suche nach dem richtigen Pflegeplatz bieten.

Heimbetreiber erhalten die ungeschminkte Meinung ihrer Kunden. Sie können die Bewertungsergebnisse als Qualitätskontrolle nutzen, und sich mit ihren Wettbewerbern im so genannten „Benchmarking“. vergleichen

Jetzt sind vor allem die Angehörigen gefordert, das Heim, in dem ihre Eltern oder Großeltern leben zu benoten. Je mehr Bewertungen ein Heim erhält, umso objektiver ist das Ergebnis.

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